ESG-Politik aus Anlegerperspektive | Konzentration oder Überdiversifikation?

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INSIGHT by Prof. Dirk Söhnholz, Diversifikator GmbH

Problem und Lösungsansatz

| Vor Environmental, Social und Governance (ESG) Angeboten kann man sich kaum noch retten. ESG wird dabei teilweise sehr unterschiedlich interpretiert. Anleger können Produktangebote aber nur vernünftig nach ESG Kriterien beurteilen, wenn sie selbst eine klare ESG Politik haben. Daran hapert es aber oft. Siegel, Ratings oder die ESG-Regulierung helfen oft kaum weiter.

Deshalb hat die Sustainable Investing Kommission der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management vor knapp einem Jahr das Policies for Responsible Investment Scoring Tool (DVFA PRISC) veröffentlicht.

Damit können Anleger eine individuelle Nachhaltigkeitspolitik definieren. Anhand weniger Informationen können sie danach prüfen, ob Produkte zu ihrer Nachhaltigkeitspolitik passen.

Konkret ermöglicht DVFA PRISC eine einfache individualisierte Aggregation von Ausschlüssen, Positivkriterien, ESG-Ratings, Stimmrechtsausübungen und Engagement zu einer umfassenden Nachhaltigkeitsbeurteilung. Dafür müssen Anleger sich aber zunächst Gedanken darüber machen, wie wichtig ihnen diese fünf Nachhaltigkeitsdimensionen sind.

Diversifikation statt Nachhaltigkeit: Die Perspektive von Großanlegern

| Für viele institutionelle Anleger ist es besonders wichtig, dass ihre Portfolios möglichst wenig von anerkannten Benchmarks abweichen. Deshalb nutzen solche Anleger nur sehr wenige oder allenfalls weiche Ausschlüsse, die manchmal sogar bis zu 25% Umsatzanteile z.B. mit Kohle erlauben.

Oft werden keine oder nur geringe
ESG-Mindestratings gefordert.
Dafür werden Wertpapiere aber möglicherweise
nach ESG-Ratings gewichtet.

 

Positivkriterien wie z.B. der Umfang der Nutzung erneuerbarer Energien führen meist nur zu leichten Übergewichtungen einzelner Wertpapiere gegenüber der Benchmark. Mit einem solchen Best-in-Class Ansatz soll sicherstellt werden, dass alle Branchen und Länder der Benchmark im Portfolio vertreten sind. Einige solcher Anleger versuchen Nachhaltigkeit durch Stimmrechtsausübungen und Engagement zu fördern.

Für eine solche Anlagepolitik kommen deshalb vor allem sehr indexnahe Fonds von großen Anbietern in Frage, denn große Anbieter können solche Portfolios und vor allem Stimmrechtsausübungen und Engagement typischerweise am effizientesten liefern.

Aber auch aktiven Fondsmanagern ist ein Anlegerfokus auf Stimmrechtsausübungen und Engagement sehr recht. Sie können oft beides versprechen, ohne ihre Portfolios verändern zu müssen. Ob und was sie damit erreichen kann zudem erst in einer relativ fernen Zukunft geprüft werden.

| Ein Beispiel ist der MSCI World ESG Screened ETF, der etwas mehr als 1500 der knapp 1650 Werte des MSCI Weltindexes enthält. Wenn der ETF-Anbieter Stimmrechte ausübt und Engagement betreibt, kann dieses Produkt ein hohes individuelles DVFA PRISC Scoring eines diversifikationsorientierten Anlegers erhalten.

Nachhaltigkeit pur: Der fokussierte Ansatz

| Bei meinem individuellen DVFA PRISC Scoring erhält ein solcher ETF nur ein sehr geringes Scoring. Selbst ein ETF auf den MSCI World Socially Responsible Investment, der weniger als 400 Wertpapiere enthält, erreicht bei mir weniger als 50% meines möglichen Scores.

Das gleiche Produkt kann also je nach Nachhaltigkeitspolitik völlig unterschiedlich beurteilt werden. Eine solche Differenzierung kann mit produktabhängigen Ratings oder Siegeln nicht erreicht werden.

| Es gibt mehrere Gründe, warum meine Einschätzung so anders ist. Ich nutze viele und vor allem harte Ausschlüsse für meine Aktienportfolios. In Bezug auf ESG Ratings ist mir wichtig, dass z.B. gute Governance nicht schlechtes Sozialverhalten kompensieren kann.

Ich nutze deshalb separate absolute Mindestanforderungen an E, S und G Ratings mit einem sogenannten Best-in-Universe Ansatz. Stimmrechtsausübungen und Engagement berücksichtige ich dagegen gar nicht, weil ich vor allem in langjährige und möglichst aus eigenem Antrieb nachhaltige Unternehmen investieren möchte. Dafür sind mir Positivkriterien sehr wichtig.

Ich versuche vor allem in Unternehmen mit Aktivitäten zu investieren, welche die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (SDG) fördern. So sind viele Länder und Branchen tabu und nur relativ wenige Aktien erfüllen meine Kriterien.

Für eine solche Anlagestrategie gibt es bisher kaum Anlageprodukte. Deshalb selektiere ich Aktien selbst nach diesen Kriterien. Die Performance meines relativ konzentrierten streng nachhaltigen Portfolios ist seit 2017 sehr ähnlich wie die eines All Countries Weltmarktindizes.

Das kostenlose Tool ist auch für Privatkunden und Berater geeignet

| Allerdings werden sehr viele Anleger eine ESG Politik verfolgen, die zwischen den hier genannten Extremen liegt. Das kostenlos nutzbare und frei zugängliche DVFA PRISC kann grundsätzlich sogar  Privatanlegern dabei helfen, ihre Nachhaltigkeitspolitik festzulegen. Dafür stehen ein Dokument mit Begriffsdefinitionen und eine detaillierte Vorlage für die Dokumentation einer eigenen Nachhaltigkeitspolitik zur Verfügung.

Mit Hilfe eines Tabellenkalkulationsblattes können eigene Kriterien hinzugefügt werden. So kann zum Beispiel die Auszeichnung mit einem Nachhaltigkeitssiegel zusätzlich berücksichtigt werden. Außerdem kann man Beurteilungskriterien für Produkte modifizieren.

Danach können die am besten dazu passenden Geldanlageprodukte gesucht werden. Leider gibt es noch keine Datenbank mit den für die DVFA PRISC Nutzung relevanten Daten. Dafür braucht man aber nur wenige Informationen: Eine Liste der Ausschlüsse und Positivkriterien, eine kurze Zusammenfassung der Nutzung von ESG-Ratings und Informationen über den Umfang von Stimmrechtsausübungen und Engagement. Produktanbieter sollten diese Informationen unabhängig von Regulierungsanforderungen proaktiv liefern. Solange das noch nicht der Fall ist, müssen diese noch direkt von Beratern bzw. Produktanbietern abgefragt werden.

EU Taxonomie hilft kaum
bei der Produktselektion

Die vielfältigen Regulierungsaktivitäten helfen in den hier geschilderten Fällen kaum in Bezug auf die Produktauswahl.

Mit der EU Taxonomie werden sehr detailliert und langsam Umweltkriterien definiert. Für Anleger, die indexnah investieren wollen bedeutet das, dass sie zusätzliches Reporting von Produktanbietern erhalten. Es bedeutet aber nicht, dass sie anders anlegen werden, solange sie nicht andere Benchmarks festlegen.

Die neue Benchmarkverordnung ist deshalb sogar relevanter für sie als die Taxonomie. Die Informationen der Offenlegungsverordnung helfen zudem bei Beurteilungen der Nachhaltigkeit von Produkten.

| Über den Autor:

| Prof. Dr. Dirk Söhnholz ist Mitglied der Sustainable Investing Kommission der DVFA und hat maßgeblich an der Entwicklung des Tools mitgearbeitet.

Prof. Söhnholz (1963) ist Gründer und CEO der Diversifikator GmbH, einem Anbieter von regelbasierten Modellportfolios mit Fokus auf Pure ESG und Impact/SDG, Honorarprofessor für Asset Management an der Universität Leipzig und Blogger (www.prof-soehnholz.com). Vorher u.a.: Boston Consulting Group, Feri Alternative Assets, Feri institutional Advisors, Veritas Investment.


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